Johanna, die sich stets auf die Seite der Armen stellte, ist nicht dazu bereit, Gewalt einzusetzen, um das herrschende System zu stürzen. Vielmehr versucht sie, das soziale Bewusstsein der Fabrikanten und Unternehmer zu verändern.
Johanna:
Nicht durch Gewalt
Bekämpft Unordnung und die Verwirrung.
Freilich, riesenhaft ist die Verführung!
. . .
Ich will weggehen. Es kann nicht gut sein,
was mit Gewalt gemacht wird.
. . .
Ich könnt nichts tun
Was mit Gewalt getan sein müßt und
Gewalt erzeugte.
(Seite 111/112)
Johanna, die an das Gute im Menschen glaubt und fest überzeugt ist, jeden Menschen zum Guten erziehen zu können, merkt nicht, dass Mauler, den sie glaubt schon auf ihre Seite gebracht zu haben, in Wirklichkeit nur an seinem eigenen Reichtum interessiert ist und überhaupt kein Mitgefühl für die arbeitslosen Arbeiter hat.
Johanna begreift nicht, dass der Zweck des nächsten Schrittes Maulers, den Schlachthäusern Vieh trotz steigender Preise abzukaufen, der Erhaltung des Kapitalistischen Systems dient. Was nur Berechnung Maulers ist, sieht sie als ein Zeichen der Güte und Menschlichkeit an:
Johanna:
Hört ihr, es gibt Arbeit!
Das Eis in ihrer Brust ist aufgetaut. Zumindest
Der Rechtliche unter ihnen
Hat nicht versagt. Angesprochen als Mensch
Hat er menschlich geantwortet. Es gibt also Güte.
(Seite 109)
Johanna hält die Arbeiter davon ab, Gewalt im Kampf gegen die Fleischkönige einzusetzen. Sie hat sich aber getäuscht in der Güte der Fleischfabrikanten, die jetzt selber Gewalt einsetzen, um dem stillen Aufstand der Arbeiter ein Ende zu bereiten. Die Fleischkönige haben das Militär zur Hilfe gerufen, um ihr System aufrecht zu erhalten.
Jetzt wird Johanna vom Volk fallengelassen: Sie hat die Arbeiter verraten, anstelle ihnen zu helfen.
Johanna bricht nun unter ihrer Schuld, den leidenden Arbeitern nicht geholfen, sondern ihnen geschadet zu haben, zusammen. Ein letztes Mal versucht Johanna, zum Widerstand aufzurufen, doch ihre Reden gehen im allgemeinen Wirbel unter. Sterbend wird sie zur Revolutionärin:
Sorgt doch, daß ihr die Welt verlassend
Nicht nur gut wart, sondern verlaßt
Eine gute Welt!
(Seite 142f.)
Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht.
Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind.
(Seite 146)
Johanna gelangt zur Erkenntnis, dass Profitgier (Kapitalisten) und tiefste Armut (Arbeiter) beide Unmenschen erzeugen, die nicht menschlich/moralisch handeln können. Zuletzt kommt also doch noch ihr Aufruf zu einer Revolution, die Gewalt einschließt (Marxistischer Gedanke). Pure Humanität hat am Ende keine Chance. Trotzdem hegt Johanna die Hoffnung, dass später einmal wieder Menschen vernünftig miteinander auskommen werden.
Ich glaube nicht, dass sich Johanna in diesen letzten Satz zum gewaltlosen Widerstand und zur Menschlichkeit bekennt. Im Sinne Brechts deutet der Satz \"Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind.\" darauf hin, dass \"Menschlichkeit\" nur in einem gerechten System Wirklichkeit werden kann. Sie weiß jetzt, dass die herrschenden Zustände nicht gewaltlos zum Guten verändert werden können.Ihre Erkenntnis aber wird erstickt, was deutlich wird durch Snyders Kommentar zu ihrem Tod:
Snyder:
Johanna Dark, fünfundzwanzig Jahre alt, gestorben an
Lungenentzündung auf den Schlachthöfen,
im Dienste Gottes, Streiterin und Opfer.
(Seite 148)
|