Das naturmagische Gedicht
Sowohl in den zwanziger Jahren (nach dem ersten Weltkrieg) als auch in den vierziger Jahren (nach dem zweiten Weltkrieg) suchte man nach einem Halt und fand ihn im Bleibenden und Dauerhaften, in der Natur. Ein neuer Sinn für das objektiv Wahrnehmbare, für die präzise Landschaftsschilderung erwachte. Das lyrische Ich trat weitgehend zurück, man wollte keine Erneuerung des romantischen Naturgedichts, sondern eine konkrete Erscheinung der Natur. Das genaue Benennen und Beschreiben der Natur sollte das Auftreten von verschwommenen Gefühlen verhindern.
Allerdings wird der Dichter nicht zum \"Reporter\" wie im Naturalismus. Die \"neue Sachlichkeit\" schließt das Wunder der Natur mit ein. Das poetische Sprechen wird als ein Beschwören der Dinge verstanden, und somit trägt dieser Realismus magische Züge.
Die ästhetische Form
Die Ekelgedanken über das Absurde des Daseins sollen mit dem Schönheitsschleier der Kunst überdeckt werden. Nur mit Hilfe der künstlerischen Form kann das Schlechte erträglich gemacht werden. Sinnstiftung ist nur im Bereich der Kunst möglich. Wichtigster Vertreter ist Gottfried Benn.
Das surreale Gedicht
Nach dem zweiten Weltkrieg wurden in der deutschen Lyrik auch die poetischen Verfahrensweisen des Surrealismus wirksam. Surrealismus heißt wörtlich: über den Realismus hinausgehend. Man möchte von der erfahrbaren Wirklichkeit und dem logischen Denken weg und in eine Welt des Unbewussten, Traumhaften gelangen. Die übliche Bedeutung von Wörtern und grammatikalische Regeln des Satzbaus werden daher missachtet. Die Texte sind schwer verstehbar, ein wichtiges Prinzip ist die Verbindung eines konkreten mit einem abstrakten Nomen.
Das zeit- und gesellschaftskritische Gedicht
Das zeit- und gesellschaftskritische Gedicht zeigt Missstände auf. Damit hat diese Art der Lyrik, die es seit Walther von der Vogelweide gibt, ein grundsätzlich anderes Thema als die Erlebnislyrik (Ich-Lyrik). Die Absicht dieser Gedichte ist der Appell zur Veränderung. Der Autor versucht dabei mit dem Leser ein Gespräch zu führen, er monologisiert nicht. Seine Gedichte sollen unmittelbaren Gebrauchswert haben.
Die Lyrik der Postmoderne
In den Jahren nach 1975 erkannten die Schriftsteller, dass sie mit ihren gesellschaftskritischen, tagespolitisch engagierten Gedichten rein gar nichts verändern oder bewegen konnten. Auch die Neigung zu experimentellen und sprachspielerischen Texten verschwand. Die Autoren entdeckten den einzelnen Menschen, das Private und Intime, sich selbst. In der Lyrik der Postmoderne wird das Ich wieder wichtig, es entsteht ein \"subjektiver Realismus\". Das Alltägliche oft Banale wird im Plauderton ausgedrückt, es sind einfache Mitteilungen, manchmal mit Orts- und Zeitangaben im Gegensatz zu ewig Seiendem.
Ausdrucksmittel ist die Alltagssprache mit groben Tönen, Absicht ist ein Schockeffekt, der den Leser aufmerksam machen soll. Es entsteht eine neue Form: Verse sind unterschiedlich lang, es gibt keine Gliederung in regelmäßigen Strophen, Wohlklang wird nicht erstrebt.
Gedichte der Postmoderne enthalten keine tiefen Geheimnisse, es gibt keine Verschlüsselung durch Metaphern und Chiffren.
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