Meiner Meinung nach ist ,,Der Medicus\" von Noah Gordon ein sehr spannender und interessanter, aber auch realitätsnaher Roman. Der Autor vermittelt auf fesselnde Weise das harte Alltagsleben im Mittelalter: ,,Am Morgen, nachdem der Kleine seinen Brei bekommen hatte und die anderen Gerstenbrot gegessen und etwas getrunken hatten, säuberte Rob den Herd unter dem runden Rauchloch, durch das, wenn es regnete, Tropfen zischend ins Feuer fielen.\"
Man kann sich sehr gut in das Buch hineinversetzen, so dass man sich beinahe wie die Hauptperson Rob Jeremy Cole fühlt, während man es liest. Mir gefallen die exakten Beschreibungen der Personen, wodurch man sich diese leichter vorstellen kann. Wie fast in allen Romanen sind die Hauptpersonen als charakterstarke und liebenswürdige Menschen dargestellt, die fast nur gute Absichten haben, was sie teilweise zu Identifikationsfiguren werden lässt. Des Weiteren finde ich es sehr positiv, wie Noah Gordon die drei vorkommenden Religionen, das Christentum, das Judentum und den Islam, näher beschreibt. Dadurch lernt man als Leser diese Religionen zur damaligen Zeit kennen, erfährt ihre Bräuche und Riten und kann so als Angehöriger einer Religion Vorurteile ablegen, was ich persönlich für sehr wichtig für die Verständigung zwischen den verschiedenen Kultur- und Religionskreisen halte. Der Autor scheut zudem keine Tabuthemen, wie zum Beispiel sexuelle Handlungen, die vielen schwarzen Seiten des Mittelalters, usw. Deshalb entsteht in diesem Buch zu keinem Zeitpunkt ein verfälschtes Bild dieser Epoche. Es ist wird zwar keine wahre Begebenheit beschrieben, aber die gesamte Handlung könnte sich damals so abgespielt haben.
Schon am Anfang des Romans werden die Lebensweise und die Landschaft Englands sehr genau geschildert. Als sich die Handlung im Nahen Osten abspielt, setzt sich diese Erzählweise eindrucksvoll fort. Jede wichtige Einzelheit in der Stadt und auf dem Land ist so dargestellt, dass man stets mitdenken kann, statt sich nur berieseln zu lassen. Die detaillierten Erzählungen über die Staatsformen in England und Persien, die Lebensgewohnheiten der Menschen aus den verschiedenen Religionen, die Kulturen, die Ernährung und die Freizeitbeschäftigungen haben einen starken Eindruck bei mir hinterlassen.
All dies wird zum Teil aus verschiedenen Perspektiven berichtet, wodurch die gegebenen Informationen vielseitiger werden. Ich finde des Weiteren interessant, wie die drei Religionen mit den Fortschritten der Medizin umgehen und wie Robert Jeremy Cole sich teilweise über ihre Gebote hinwegsetzt, um der Medizin zu dienen und sie voranzubringen. Er seziert beispielsweise Tote, um Erkenntnisse über die inneren Organe des Menschen zu gewinnen, obwohl dies in beiden Religionen strengstens untersagt ist.
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