Alfred Ill ist 65 Jahre alt und besitzt einen kleinen Kaufmannsladen in Güllen. Er ist verheiratet Mathilde Blumhard und hat mit ihr zwei Kinder, Ottilie und Karl. Claire Zachanassian beschreibt ihn in ihrer direkten Art als "fett, grau und versoffen"* (S.26) Desweiteren soll er nach ihren Angaben zur Zeit ihrer Liebschaft "stark und mutig" (S.117) gewesen sein. Alfred Ill gilt bei Ankunft der alten Dame als beliebtester Bürger der Stadt und als zukünftiger Nachfolger des Bürgermeisters, was natürlich z.T. aber wohl doch nicht hundertprozentig darauf beruht, daß man alle Hoffnungen in Bezug auf eine Finanzspritze seitens Claire Zachanassians auf ihn setzt. Anhand der Tatsache, daß er damals Klara Wäscher betrog, sich durch die Bestechung sogar strafbar machte, ist zu erkennen, daß es ihm scheinbar an Ehre mangelte bzw. z.T. immer noch mangelt. So stellt er auch seine jetzige Frau gegenüber anderen nicht im besten Licht dar und auch im allgemeinen hat er kein besonders gutes Verhältnis zu seiner Familie, was die Ausnahmestellung eines gemeinsamen Frühstücks deutlich zeigt; man ist voneinander entwöhnt. An mangelndem Selbstvertrauen leidet er allerdings nicht, da er sich im Vorfeld Claire Zachanassians Ankunft maßlos überschätzt und allen großmundig erklärt, daß er sie "im Sack hat"* (S.25). Seiner Schuld, die er durch den Gerichtsbetrug vor 45 Jahren auf sich lud, ist er sich nicht bewußt. Seiner Ansicht nach hat das Leben dieses Problem getilgt. In seinen Augen "ging das Leben längst weiter"* (S.49) und die ganze Geschichte sei "verjährt". Weder damals noch heute ist er sich im Klaren darüber, welche Konsequenzen sein Handeln für seine "angebliche" Geliebte (siehe unten) hatten. Ihm Dummheit zu unterstellen wäre übertrieben, doch ist er nicht in der Lage das Ausmaß seines Verrats zu erfassen. Er argumentiert teilweise sogar noch damit, daß er Klara damals aus Liebe habe gehen lassen, was allerdings dann auch hieße, daß er sie aus Liebe verriet. Daß dies eine klare Lüge und nur eine weitere Einschmeichlungstaktik seinerseits ist, ist klar, denn es wird eindeutig durch Claire Zachanassian festgestellt, daß er damals Mathilde Blumhard nur wegen des Geldes bzw. wegen des in Aussicht stehenden Krämerladens heiratete und nicht, weil er das beste für Klara wollte. Entweder er liebte Klara zum damaligen Zeitpunkt nicht, oder er hatte nicht genug Ehre um seine Pflichten zu erfüllen. Eine Kombination aus beidem ist ebenfalls möglich. Aus seinem Versuch Claire Zachanassian umzustimmen spricht wiederum eine gewisse Portion Naivität, da er seine Situation noch immer nicht erkannt hat und alles noch für einen bösen Scherz hält. Zur letztendlichen Verteidigung seines Charakters muß man allerdings sagen, daß er, nachdem er zu fliehen versuchte, ( Angst) eine charakterliche Kehrwendung macht und langsam aber sicher seine Schuld eingesteht. Selbst die Chance die Mordpläne gegen ihn der Presse mitzuteilen läßt er aus und lehnt auch einen Selbstmord ab, da die Güllener über ihn richten sollen.
Dies trägt zweifelsohne zu seiner charakterlichen Rehabilition bei, wobei die Bestrafung mit dem Tod zweifelsohne zu hoch ausfällt. Unbestritten ist jedoch, daß er zuletzt zumindest einen Teil seiner Ehre wiedergewinnt und im biblischen Sinne nunmehr ohne Schuld ist.
Alles in allem, kann man sagen, daß die schlechten Charakterschaften von Ill durch die Vorgeschichte und auch durch das Verhalten gegenüber Claire Zachanassian (schmeicheln) zu überwiegen scheinen, obwohl er natürlich stets der nette Kaufmann von nebenan ist. Allerdings sieht er seine Schuld ein, wodurch er, sozusagen in einer Gegenbewegung seine Seele, zumindest im biblischen Sinne, retten kann, wohingegen die moralischen Werte der Güllener mehr und mehr verfallen.
* sinngemäß, nicht wörtlich zitiert
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